Es gibt eine Glasart, die Sammlerherzen höherschlagen lässt und auf Flohmärkten für aufgeregtes Flüstern sorgt. Bei normalem Tageslicht wirkt es oft unscheinbar, meist in einem charakteristischen blassen Gelbgrün, das an Vaseline erinnert (daher der englische Name „Vaseline Glass“). Doch sein wahres, spektakuläres Geheimnis offenbart es erst im Dunkeln unter einer UV-Lampe: Es beginnt, in einem unheimlichen, intensiven Neongrün zu leuchten, als wäre es von innen heraus beleuchtet.
Dieses magische Leuchten stammt von einer Zutat, die heute Ehrfurcht und ein leichtes Unbehagen auslöst: Uran.
Die Entdeckung des leuchtenden Glases
Die erste dokumentierte Verwendung von Uran als Glasfarbstoff geht auf den Wiener Chemiker Martin Heinrich Klaproth zurück, der 1789 Uran entdeckte und bald darauf dessen färbende Wirkung in Glas beschrieb. Die färbende Wirkung von Uranoxid im Glas wurde erstmals in den 1830er Jahren kommerziell genutzt, unter anderem von böhmischen Glashütten wie der Familie Riedel. Der Name „Annaglas“ ist kein historisch belegter Markenname, sondern ein späterer Sammlerbegriff, der in den 1990er-Jahren populär wurde.
Über Jahrzehnte hinweg, insbesondere von ca. 1880 bis 1940, war Uranglas extrem beliebt. Man stellte daraus Geschirr, Pressglasfiguren, Vasen und Schmuck her. Es war ein modisches Statement, das im abgedunkelten Salon für Staunen sorgte.
Wie funktioniert die magische Fluoreszenz?
Bei der Herstellung wurde der Glasschmelze eine geringe Menge (meist unter 2 %) an Uranoxid beigemischt. Das Uran im Glas absorbiert unsichtbares, hochenergetisches UV-Licht (Schwarzlicht). Dabei werden die Elektronen im Uran auf ein höheres Energieniveau „gehoben“. Fast augenblicklich fallen sie wieder auf ihr normales Niveau zurück und geben die aufgenommene Energie in Form von sichtbarem, grünem Licht wieder ab. Diesen Prozess nennt man Fluoreszenz. Sobald die UV-Lampe ausgeschaltet wird, hört das Leuchten sofort auf.
Die Frage aller Fragen: Ist Uranglas gefährlich?
Uran ist ein radioaktives Element, und Uranglas gibt tatsächlich eine geringe Menge an Strahlung ab, die man mit einem Geigerzähler messen kann. Die entscheidende Frage ist: Ist sie schädlich?
Die Wissenschaft ist sich hier weitgehend einig: Nein, bei normalem Umgang ist Uranglas ungefährlich. Die abgegebene Strahlung besteht hauptsächlich aus Alpha- und Betastrahlung, die bereits von der Haut oder dünnen Materialien absorbiert werden. Hinzu kommt eine sehr geringe Menge Gammastrahlung, die zwar durchdringend ist, aber in einer so niedrigen Intensität, dass die Gesamtbelastung weit unter der natürlichen Hintergrundstrahlung liegt. Die Strahlendosis, die man beim Halten eines Uranglas-Objekts erhält, ist deutlich geringer als die natürliche Hintergrundstrahlung, der wir alle ständig ausgesetzt sind. Das Lagern in einer Vitrine ist völlig unbedenklich. Vom täglichen Gebrauch als Trinkglas oder Salatschüssel wird heute dennoch abgeraten – nicht wegen der Strahlung, sondern weil saure Lebensmittel winzige Mengen Uran aus dem Glas lösen können, was bei langfristigem Konsum gesundheitliche Risiken bergen könnte.
Ein Fenster in eine andere Zeit
Uranglas ist ein faszinierendes Relikt aus einer Zeit, in der die ästhetische Wirkung radioaktiver Materialien noch stärker im Vordergrund stand als ihre Risiken – lange bevor die Atomwaffen die öffentliche Wahrnehmung prägten. Tatsächlich wurde die Produktion um 1940 weniger aus Sicherheitsgründen eingestellt, sondern weil Uran plötzlich als strategischer Rohstoff für das Militär benötigt wurde. Es ist ein Stück Wissenschafts- und Designgeschichte in einem. Die leuchtende Fluoreszenz ist ein fast übernatürliches Phänomen, das die unsichtbaren Kräfte der Physik sichtbar macht.
Dieser Gedanke, Unsichtbares sichtbar zu machen, ist der Kern meiner Kunst. Meine Lichtobjekte nutzen die Kraft des elektrischen Lichts, um die verborgene Schönheit und die inneren Farben von gewöhnlichen Scherben zu enthüllen. So wie das UV-Licht das Geheimnis des Uranglases offenbart, enthüllt mein Licht das Leuchten im Alltäglichen.
Sehr detaillierte Informationen zur Sicherheit und Identifizierung von Uranglas bietet die Webseite des ORAU Museum of Radiation and Radioactivity (auf Englisch).
